Durchwachsene Elite-Staffel

von  Tobias Breitschädel,

erstellt am 09.08.2018

Gleich vorneweg, das Staffelrennen der MTB-O WM in Zwettl war in den Elitekategorien für Fahrer und Zuseher wieder einmal nichts für schwache Nerven. Das ist einerseits den geringen Zeitabständen, als auch dem in der Elitekategorie nun zum Standard gewordenen flächendeckenden Einsatz von GPS-Sendern geschuldet.

Letzteres führt im aktuellen Anwendungsfall zu einer kontroversiellen Diskussion, die den MTB-O-Sport nachhaltig beeinflussen kann und auch wird. Für die im Zielbereich befindlichen Zuseher ist die live-Beobachtung der Fahrer sowie deren Routenwahlentscheidungen und Positionskämpfe eindeutig ein Gewinn. Das Rennen rückt noch „näher“ zum Zuseher. Paul Grün und sein Team betten diese Technologie bisher optimal in die Gesamtorganisation ein (lustiges Detail: bei der gegenständlichen Staffel führte das zu einer skurrilen Situation da aufgrund der kurzfristig gestrichenen Quarantäne die Wettkampfkarte erst nach dem Start der dritten Fahrer auf die Bildschirme projiziert wurde und die Zuseher nur auf bunte Flaggen mit Zeitschwänzen auf weißem Hintergrund starrten, begleitet von spontanem Raunen und Zurufen). Das Zusammenspiel mit den Sprechern läuft außerdem perfekt.

Auf der anderen Seite wird jeder Fahrer durch das GPS zum „gläsernen Wettkämpfer“. Jedes Fahrmanöver wird überwacht, aufgezeichnet und für jedermann zugänglich gemacht. Gepaart mit der Tatsache, dass die heimische Wettlaufordnung ein Verlassen des Weges verbietet, ist der Schritt zur Kontrolle der Regeleinhaltung mittels GPS-Tracking ein logischer – regeltechnisch jedoch nicht gedeckt. Denn im Vergleich zum Fuß-OL hat eine im MTB-O falsch genommene Abzweigung auf parallel verlaufende Wege zeittechnisch fatale Auswirkungen. Ein Zurückfahren und neu „Einfädeln“ dauert lange, ist jedoch die einzige Möglichkeit. Da jedoch auch die modernsten GPS-Tracker im Wald nur eine beschränkte Genauigkeit von ca. +/- 10m aufweisen ist das Überwechseln zu einem naheliegenden Weg theoretisch unbemerkt möglich. Aber regelwidrig. Zahlreiche Proteste vermeintlich benachteiligter Nationen/Fahrer sind die Folge und nicht immer sind diese Complaints unberechtigt. Der Umgang mit dieser neuen Situation stellt den Veranstalter, die aus diesem Grund vielbeschäftigte Jury und in weiterer Folge auch die IOF vor große Herausforderungen. Ein absolut spannendes Thema, wo langfristig sinnvolle Lösungen gefragt sind.

Nun aber zum sportlichen Teil. Das Damenteam in der Aufstellung Sonja Zinkl, Michaela Gigon und Marina Reiner galt vor allem nach Sonjas Massenstart-Bronze und ausnahmslos Platzierungen <16 als Medaillenfavorit. Nach den jeweils ungünstigsten Gabelungen zu Posten 1 und 3 war Sonja jedoch gleich zu Rennbeginn unter Zugzwang, konnte den Rückstand aber einigermaßen in Grenzen halten. Zum fehlenden Gabelglück kam dann auch noch Pech dazu: kurz vor Posten fünf lockerten sich mehrere Lenkerschrauben und mussten umständlich (wg. Kartengestell) festgezogen werden. Der Zug mit allen anderen Favoritinnen hatte in dieser Rennphase leider richtig Fahrt aufgenommen und der Rückstand vergrößerte sich. Doch Sonja steckte nicht auf und riskierte alles. Das Schicksal kam in Form von Beat Oklé kurz nach Posten 12 regelrecht angeflogen: ein Vollkörperkontaktcrash brachte Sonja endgültig aus dem Rhythmus und Beat verletzt ins Krankenhaus. Noch mitgenommen vom Crash verlas sich Sonja bei einer Postennummer und quittierte einen falschen Posten. Michi konnte ihre Runde zwar noch starten aber die Medaillenträume zerplatzten mit dem Ausdruck der Zwischenzeiten und das Team wurde aus dem Rennen genommen.

Währenddessen lieferten sich RUS1 (Svir) und FIN1 (Haga) einen heißen Kampf an der Spitze. Mehrere Blackouts der Finnin eröffnete Tschechien die Tür zu Platz zwei. Auf der Schlussstrecke konnte Martina Tichovska rasch zur Russin Vinogradova aufschließen und das Rennen vorne weg diktieren. Der technischen und vor allem körperlichen Überlegenheit von Tichovska konnte die Russin nichts mehr entgegensetzen und so feierten die Tschechinnen einen ungefährdeten Sieg vor Russland und Finnland.

Das Herrenteam entschied sich aufgrund der Ergebnisse von Massenstart und Mittel für die Aufstellung Haselsberger, Breitschädel und Waldmann. Und es wurde von Anfang an das erwartete Ausscheidungsrennen par excellence. Kevin hielt sich aufgrund seiner ausgezeichneten Form an der Spitze des Feldes, setzte durch seinen enormen Speed in vermeintlich einfacheren Passagen alle anderen Fahrer unter Druck die in technisch schwierigen Phasen voll riskieren mussten. Die einzige kleine Unsicherheit bei der letzten Gabel „bügelte“ der Kärntner mit einem unnachahmlichen Schlussspurt aus und schickte Tobias mit nur 2 Sekunden Rückstand auf die Führenden Franzosen direkt hinter CZE1 ins Rennen. Nach der längeren Gabel zu Posten eins und der kürzeren aber wesentlich langsameren Route zu Posten zwei fand sich der Salzburger schnell in einer großen Gruppe mit allen favorisierten Teams wieder. Einzig Schweden konnte sich aufgrund kürzerer Gabeln nach vorne absetzen. Die feinen Posten nach der ersten Zieldurchfahrt meisterte Tobias zwar nicht fehlerfrei aber noch besser als seine direkten Konkurrenten und fuhr als Vierter in die letzte Waldpassage ein. Bei der letzten Gabelung erwischte Tobias wieder die längste Option und so übergab er als 7. mit 2:39 min Rückstand auf die führenden Schweden an Andi Waldmann. Andi fackelte nicht lange und schloss mit enormen Tempo zur Gruppe um CZE1 (Bogar), ITA1 (Dalavalle) und FIN1 (Niemi) auf. Der Rückstand auf die Führungsgruppe mit SWE, RUS1 und CZE2 schmolz bereits auf unter 1,5 Minuten. Da sich FIN1 und CZE2 mit Fehlern nach hinten verabschiedeten befand sich Andi zu Posten 6 erstmals wieder in den Medaillenrängen. Andis Performance war weiterhin eindrucksvoll und so saugte er sich weiter an das Führungsduo heran. Zwei Unachtsamkeiten kosteten wertvolle Sekunden und Dalavalle schloss wieder zu Andi auf. An der Spitze blieben Medvedev, Larsson und Bogar bis zum Schluss fehlerfrei und sicherten so ihre Medaillen ab. Den Kampf um den vierten Platz entschied schlussendlich die deutlich kürzere letzte Gabelung von Dalavalle und Andi raste mit nur 2 Sekunden auf den Italiener als ausgezeichneter Fünfter ins Ziel.

Das zweite Herrenteam schlug sich ebenfalls sehr beachtlich. Bernhard Schachinger, Florian Exler und Thomas Klimo kamen mit wenigen Minuten Rückstand als 13. ins Ziel.


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