WOC2005 - im Interview: Gernot Kerschbaumer
Aichi (Japan) vom 7.-15.August 2005
Gernot Kerschbaumer – oder "Kerschi", wie ihn seine Freunde rufen – gelang bei der WM 2005 in Japan etwas, was noch keinem Österreicher glückte: eine Top10-Platzierung im Fuß-OL. Im Gespräch mit Hans Kolar erzählte er, wie es zu dieser Weltklasseleistung kam.
Gernot, dir ist gestern im Sprint-Finale mit einem 17. Platz und ganz besonders heute im Mitteldistanz-Finale mit einem 9. Platz eine Weltklasseleistung geglückt. Hat dich das überrascht?
Fangen wir mit den Qualifikationsläufen an, wo ich sowohl über die Mitteldistanz als auch im Sprint jeweils Zweiter in meinem Vorlauf wurde. Ich war überrascht, dass ich ganz vorne mitlaufen konnte, wobei mir klar ist, dass in der Quali noch nicht alle ihre Karten voll aufdeckten. Ich bin froh, dass ich läuferisch wieder einen Schritt nach vorne machen konnte. Das Gelände scheint mir auch zu liegen, wie die beiden Qualiläufe bereits gezeigt haben.
Im Vergleich zu meinen Zielen vor der WM – ich hatte mir für Japan mindestens ein A-Finale und einmal einen Top30-Platz vorgenommen – bin ich sehr positiv überrascht. Durch die Erfolge in den Quali-Läufen habe ich mir die Ziele dann doch etwas höher gesteckt und gehofft, dass ich meine Erwartungen vor der WM übertreffen könnte. Das hängt aber von vielen Faktoren wie Tagesverfassung, Gegner, … ab.
Wie ist es dir dann in den Finalen gegangen?
Der Sprint-Finallauf war nicht ganz ideal, aber auch nicht schlecht, ein paar Routen waren suboptimal. Platz 17 ist ein super Ergebnis für mich, vielleicht habe ich mir aber nach dem 2. Platz im Vorlauf etwas mehr erwartet. Jedenfalls versuchte ich, nicht anders zu laufen als wie im Vorlauf, denn ich habe hier schlechte Erfahrungen: Bei der JWOC 2003 in Estland war ich 5. im Vorlauf und 50. im Finale.
Du hast dich im Sprint-Finale gleich zu Beginn am rechten Knöchel verletzt, dein Start im Mitteldistanzfinale war auf der Kippe ...
Es hat im Sprint nicht sehr gestört, ich dachte nicht, dass die Verletzung so schlimm wird, dass meine Teilnahme am Mitteldistanz-Finale am nächsten Tag gefährdet ist. Aber am Abend sah es nicht gut aus, ich konnte nur die Nacht abwarten. Am nächsten Morgen habe ich nicht mehr an den Lauf geglaubt, der Knöchel war stark geschwollen. Trotzdem bin ich zum Start gefahren, wurde von Birgit, unserer Physiotherapeutin, gut getapt – danke – merkte aber beim Einlaufen, dass es ohne Schmerzmittel nicht gehen wird. Ich wollte aber unbedingt laufen, denn Weltmeister Thierry Georgiou startete gleich hinter mir und solche Konkurrenz hautnah gibt es nicht alle Tage. Also Schmerzmittel. Je näher der Wettkampf kam, umso besser ging es mir. Ich habe im Wettkampf zwar bei bestimmten Tritten Schmerzen verspürt, hatte vielleicht eine gewisse mentale Bremse bergab, aber es hat funktioniert.
Wie war dann das Mitteldistanz-Finale?
Ich hatte mir vorgenommen sicher zu beginnen und mir Zeit zu nehmen, um die richtigen Routen festzulegen. Das gelang und ich hatte immer den Kontakt Gelände-Karte. Kleine Unsicherheiten waren schon vorhanden - so habe ich zu Kontrollposten 3 im hohen Bambusgras etwas gezögert, vom Posten 5 weg zur Verpflegungsstelle innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal Richtungsfehler gemacht – aber gleich bemerkt und korrigiert.
Wie war das Duell mit dem Weltmeister?
Es war nicht nur er, denn durch das erstklassige Vorlaufergebnis hatte ich einen Startplatz mitten in der Weltelite. Der hat mich schon sehr motiviert. Thierry hat mich am Weg zu Posten 6 eingeholt, bis Posten 10 habe ich ihn gesehen und konnte seine Routen mitverfolgen. Bei Posten 10 waren die langen und heiklen Routenwahlen aber schon vorbei. Trotzdem passierte mir am Weg zu Posten 11 ein Fehler. Bei einem Dickicht erwischte ich eine falsche Abzweigung, bemerkte es zwar rasch, nahm mir aber zu wenig Zeit zur Korrektur. Dadurch bin ich wieder falsch weggelaufen, was eine gute Minute Zeitverlust bedeutete. Die letzten zwei Posten bis ins Ziel waren läuferisch sehr fordernd.
Es war sehr interessant, Thierry zu beobachten, mit ihm zu laufen, zu sehen wie er nie steht und den großen Überblick hat – er "fliegt" förmlich. Im Ziel wusste ich nicht gleich meinen Platz – als Neunter in die Top10 zu kommen, das war ein Hit für mich, ich bin überglücklich!
Wäre noch mehr drin gewesen?
Nach der Laufanalyse ärgere ich mich schon, dass ich nicht ganz perfekt war, dass ich nicht ganz mit Thierry mithalten konnte – ich bin aber nicht enttäuscht. Der beste Platz, den ein Österreicher bei Weltmeisterschaften im Orientierungslauf je erreicht hat – das kann schon was und macht mich zuversichtlich für die Zukunft, für ein Gelände, das mir liegt, z.B. für die Weltmeisterschaften 2008 und 2009 in Tschechien bzw. Ungarn. Wirklich realisiert habe ich meinen Erfolg erst, nachdem ich die Ergebnisliste gesehen hatte, wen ich aller geschlagen habe, z.B. alle drei starken Schweizer.
Wo siehst du die Ursachen für deinen starken Lauf?
Meine Formkurve ist seit Mitte/Ende Juni ansteigend. Voraussetzung: Konsequente, jahrelange Trainingsarbeit – vor allem eine läuferische Verbesserung. Auch das japanische Gelände dürfte mir gut liegen. Ich war sehr lange, das ganze heurige Jahr, verletzungsfrei - im Gegensatz zum Vorjahr. Damit war kontinuierliches Training möglich.
Hast du das Training gegenüber früher umgestellt?
Ich habe nicht anders trainiert, es sind die Langzeitfrüchte des Trainings im Heeresleistungssportzentrums, die ich jetzt ernten kann. Es ist meine läuferische Entwicklung in Zusammenarbeit mit Manfred Zeilinger und es sind auch meine beiden Trainer Richard Schuh und Markus „Max“ Kössler, die ein optimales Umfeld (Uni Wien, HSP,…) schaffen. Und ich habe mich sehr mit OL-Karten beschäftigt – vor allem mit japanischen, mehr als je zuvor, um technisch sicherer zu werden.
Für wie wichtig schätzt du die läuferische Komponente ein, wo Orientierungslauf doch auch ebenso die perfekte Beherrschung der Orientierungsfähigkeiten erfordert?
Wenn es läuferisch passt, wenn man sich im Wettkampf nicht selbst antreiben muss, dann bleibt genug Energie für die Orientierungstechnik und wird nicht zur Selbstmotivation verbraucht. Die Technik hängt sehr mit dem Laufvermögen zusammen. Und das ist bei mir heuer zur rechten Zeit gekommen. Was auch wichtig ist: Man muss sich im entscheidenden Moment auf die notwendigen und richtigen Dinge konzentrieren. Vor den Quali-Läufen war ich nicht nervös, weil ich die Situation schon in den Tagen zuvor durchdacht habe. Im Finale schon eher, weil daran habe ich vorher nicht so konkret gedacht.
Welche Bewerbe waren heuer deine Schwerpunkte?
Ich habe mich auf Sprint und Mitteldistanz konzentriert – erfolgreich, wie man sieht.
Wie viel trainierst du?
Mein Trainingsumfang sind im Jahr ca. 550 – 600 Stunden. Um es sich besser vorstellen zu können: das sind im Schnitt 11-12 Stunden pro Woche, in der Wettkampfzeit weniger, dafür im Winter bis zu 17-20 Stunden je Woche.
Ist die Erfolgslatte für dich jetzt in die Höhe gesaust, so nach dem Motto "einmal Top10 – immer Top10"?
Das hängt vom Gelände ab. Es hat sich gezeigt, dass ich bei passenden äußeren Bedingungen vorne mitlaufen kann. Da ich noch jung bin bleiben mir hoffentlich noch einige Jahre im Elitesport – jeder träumt davon, einmal sehr weit vorne zu landen. Mein Fernziel ist, einmal eine Medaille bei einer Großveranstaltung zu gewinnen. Mal sehen, wie es sich konkret ohne Verletzungen entwickelt – bisher hatte ich nur Knöchel- und Beinhautprobleme. Kurzfristig schaue ich auf Erfolge bei den Staatsmeisterschaften im kommenden Herbst und beim Euro-Meeting in Estland.
Gernot, danke für das Gespräch.
Bericht Mitteldistanz
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